Montag, 23. Februar 2009

WissensWert Blog Carnival Nr. 1: Traumatisch traumhaft

Die 1. erste Ausgabe des Blog Carnivals von Wissenswert will's wissen: "Ist Wissensarbeit 2.0 traumhaft oder traumatisch?"
Gibt es einen günstigeren Zeitpunkt als Karneval, der gerade in den Rheinlanden und an anderen Orten tobt, sich diesen Fragen des Blog Carnivals zu stellen? Ein weit gespannter Bogen: von Karneval zu Carnival? Für mich nicht so ganz, denn mein Wissen um Blog Carnival ist nicht annähernd so alt wie das Wissen um Karneval.
Bei den Fragestellungen von Prof. Dr. Andrea Back kann ich mich Vergleichen zu "früher" kaum entziehen, "früher" = der Zeit der Universitätsbibliothek, des Kopierens, des Exzerpierens oder Matrizen-Abziehens in der Referendariatszeit, die Zeit der guten alten Schreibmaschine, von Papier und Bleistift. Kann ich (heute) mit Web 2.0 Tools effektiver mit Information und Wissen umgehen?
Vielleicht so: entfernt von traumatisch mit gefühlter Tendenz zur Annäherung ans Traumhafte. Soll heißen: Ich bin ich geblieben, auch wenn sich der Inhalt meines Handwerkkoffers verändert hat, und meinen Umgang mit Wissen und Information erlebe ich nicht wesentlich anders als vor 2.0. Verändert hingegen haben sich Transportmittel von Informationen und Wissens und damit in nicht unerheblichem Maße die Fülle derselben. Wenn ich im Bilde meines Handwerkskoffers bleibe, dann bestand in Vor-2.0-Zeiten ein großes Maß an Verläßlichkeit, dass jedes Werkzeug sicher in der Hand lag, zielgerichtet zum Einsatz gelangte und vollendet den letzten Schliff ans Wissensprodukt legen konnte. Mit der Fülle an hochglanzpoliertem 2.0-Werkzeug, dessen Erprobung ich nicht zu widerstehen vermochte, erschloß sich die höhere Effizienz nicht mit den ersten Verwendungen. Schließlich mußte mein Verstand ja nun nicht mehr nur mit Information und Wissen klarkommen, sondern auch noch mit der Unmenge an Werkzeug.
Tendenziell schon eher eine traumatische Angelegenheit, wenn da nicht die brauchbaren Werkzeuge wären, die ein Sortieren und damit zielgerichtetes Sammeln und Aufbereiten von Information/Wissen ermöglichen. Beispiel RSS: selbstredend habe ich nicht wenige RSS-Feeds abonniert, was mir täglich min. 700 neue Informationen frei Haus beschert. Würde ich dies alles als Information und Wissen aufnehmen wollen, würde ich eben diesen Information Overkill erleben, den so viele heraufbeschwören und dem ich entgegenhalte: ist es eben nicht. Ist es nicht, weil die 2.0 Tools mir zugleich die Werkzeuge bereitstellen, die Informationen zu kategorisieren, für spätere intensive Betrachtung vorläufig abzulegen oder sofort zu verwerfen. Fazit: Ich gelange mit Web 2.0 Tools hundert Prozent effektiver an Information und Wissen, ob ich dadurch automatisiert auch effektiver mit diesem Wissen und dieser Information umgehe? Dies erlebe ich als einen umfassenderen Prozess, der wesentlich von meiner Zielsetzung abhängt: sichte, sammle ich meine Informationen, dann höre ich mich beizeiten den Verzückungsruf ausstoßen: was ich so im Vorbeigehen alles an Wissen erfahre... Bereite ich z. B. eine Präsentation vor, dann bleibt mir vielfach nichts anderes als mich einer sog. Tugend zu erinnern, die denn Disziplin heißt: bei der Sache bleiben. Verblüfft erkenne ich mich denn wieder: wenn ich mich heute im Informationsdschungel verliere, dann nur mit anderen Mitteln und zugegeben wesentlich umfangreicher als früher, verloren habe ich mich zu Studienzeiten auch. Unbestritten aber mein Lernprozess, von dem ich vermute: das dauert noch. Womit ich zur 2. Frage fortschreite:
Verbessern sich die Produktivität und Qualität der Arbeit?

Wenn denn einmal die 2.0-Werkzeuge im Koffer ihren Platz gefunden haben und der Griff nach ihnen ein zielsicherer ist: ein unbedingtes Ja zur Verbesserung. Alleine die explosionsartige Erweiterung des Blickwinkels nicht zuletzt durch Netzwerke und Menschen, die dahinter stehen und ihren Netzwerkinput leisten, diese Erweiterung läßt Teile meiner Arbeit schlicht und ergreifend besser werden. Das Wort "Betriebsblindheit" erhält die Chance, in den Fundus antiquierten Sprachgebrauchs zu entschweben. Wer 2.0-Tools nutzt, geht nach meiner Erfahrung das Risiko einer fast grenzenlosen Horizonterweiterung und damit qualitativen Verbesserung von Meinung, Stellungnahme, Expertise und Arbeitsergebnis ein. 2.0-Tools ermöglichen Erfahrungsaustausch und Zusammenarbeit über Grenzen hinweg. Mit 2.0 bestehen einfach mehr Möglichkeiten, produktiver und qualitätssteigernder zu arbeiten. Damit ist keineswegs davon gesprochen, dass Vor-2.0 alles vielleicht ein wenig weniger gut war. Keineswegs: gut war's, sehr gut. Und ist ja auch nicht weg. Ich erlebe eine Steigerung meiner Produktivität und Qualität in der Kombination von altem und neuem Werkzeug. Und das ein oder andere muß halt mal ersetzt werden. Ist für mich eigentlich wie Fernsehen: früher mußte ich aufstehen, zum Fernseher hingehen und auf die Programme (3 an der Zahl) umschalten. Heute zappe ich lässig vom Sessel via Fernbedienung - meist zwischen 3 Programmen.

Werden die Vorteile der neuen Arbeitsmittel durch negative Seiteneffekte überkompensiert? Mehr Nachteile als Vorteile? Ich greife mal in meinen Handwerkskoffer und ziehe einen Hammer heraus. Landet der nun in Ausübung seiner gedachten Funktion auf meinem Daumen, ist das weniger ein Problem des Werkzeugs, sondern eher meine Ungeduld, nicht fachliches Ausführen etc. Ich bin der Überzeugung, dass den Arbeitsmitteln keine Seiteneffekte innewohnen, wohl aber uns Menschen, die diesen Arbeitsmitteln hier und da skeptisch, mehr als skeptisch gegenüberstehen, oftmals ohne selbst Erfahrenes über Erfahrung philosophieren und den Arbeitsmitteln, da Computer = per se verdächtigt und IT-lastig, Nutzen absprechen. 2.0-Tool ist Werkzeug - der Mensch wendet an. Unter dem Aspekt der Anwendung allerdings schleicht sich ein Seiteneffekt heran: Zeit! Netzwerken, RSS-Feeds sichten und gewichten, aktives Unterwegssein mit 2.0-Werkzeugen benötigt zusätzliche und nicht wenig Zeit. Die Zeit war aber auch vor 2.0 gut gefüllt. Woher nehmen? Eine Entscheidung, die letztendlich jeder für sich treffen muß, und die m. E. nicht unwesentlich von der eigenen Zielsetzung abhängt: warum möchte ich in welchem Umfang wo mitmachen? Wie hoch soll das Ausmaß meiner Aktivitäten sein? Wie überhaupt gestaltet sich meine Aktivität: rezipierend oder aktiv mitgestaltend? Lese ich oder blogge ich? In den Antworten zu diesen Fragen rücke dann unweigerlich "ich" mit meiner Zielsetzung in den Mittelpunkt und der damit verbundenen selbsterlegten Aufgabe: wenn ich dies oder jenes will, muß ich es halt lernen, und damit auf zur Frage:
Wie verläuft der persönliche Lernprozess, sich diese Arbeitspraktiken anzueignen?
Mein Lernprozess glich einer Achterbahnfahrt - ist es zuweilen heute noch, wenngleich heute eine Portion ruhiger und gelassener. Heute ist mir möglich, die SMS-Erinnerung (solche Helfer gilt es ja auszuprobieren) an zu kaufende Milch genauso unbeachtet zu lassen wie den auf dem Küchentisch vergessenen Einkaufszettel, besagte 700 fett markierte ungelesene brandaktuelle Informationen lediglich zur Kenntnis zu nehmen und meine Anmeldungen zu diversen Netzwerken gezielt und gewollt, und nicht via eines Tools auf einen Klick, zu aktivieren. Obwohl als Frau durchaus multitaskingfähig, hier aber bitte eins nach dem anderen.
Allerdings: Wann machst Du das denn alles. Du mußt doch ständig vorm Computer sitzen! Für so etwas habe ich keine Zeit. So und ähnlich lauten die Ansprachen, denen ich mich, schäume ich mal wieder vor Begeisterung über, gegenübersehe.
Sind ja nicht so ganz falsch - zu groß war und ist die Faszination dessen, was da mittels Tool 2.0 auf einmal über den Bildschirm marschiert kam. In doppelter Faszination: selber Kennenlernen und dann auf mögliche Einsatzszenarien im beruflichen Umfeld prüfen. Kaum zu stemmen! Und stetigem Wandel unterlegen. Erschlossen sich mir z. B. Social Bookmarking Tools leichter, meldete ich mich bei Xing an, weil's seinerzeit offensichtlich zum neuen Standard im Unternehmen gehörte (Wie, Du bist noch nicht drin?), so stand ich auf der anderen Seite mit absolutem Unverständnis einem Tool wie Twitter gegenüber - manchmal war und bin ich sofort begeistert, bleibe dabei, manchmal braucht's halt ein wenig, meine Position dazu zu finden, und meine Erinnerungszettel bleiben dann auch lieber gewohnt auf Papier. Mein Werkzeugkasten verfügt inzwischen über eine solide 1.0 und 2.0 Grundausstattung; vom (selbstauferlegten) Zwang befreit, stets jedes neue Werkzeug ausprobieren zu müssen, erlebe ich nicht nur mehr Effizienz, sondern erstaunlicherweise auch Zeitersparnis. Denn in den Werkzeugen, die ich nutze, bin ich sicherer (fast), was als solide Grundausstattung gilt, definiere ich genau so selbst wie die Häufigkeit des Gebrauchs.
Rückblickend stelle ich für mich fest: ein wenig losgestürmt bin ich da, gar nicht so besonnen bedächtig, wie es sich für eine Person meines Alters (+ weiblich) denn geziemen sollte. Hätte ich diesen Spurt in körperlicher Ertüchtigung hinlegen wollen - ich wäre kläglich gescheitert. Mausklick aber und nur noch Mailadresse und Nickname als Rüstzeug ermöglichen alles - bis hin zum unerbittlichen 2.0-Durcheinander. Nach ca. 1 Jahr ist der Werkzeugkasten als StartUp sortiert - und auch wenn's zuweilen arg wuselig war: missen möchte ich diese Erfahrung nicht. Sonst säße ich jetzt nicht hier und würde drüber schreiben.

Kommentare:

  1. Für des Editorial zum WissensWert Blog Carnival Nr. 1 schaue ich mir gerade alle 15 Beiträge an, um gemeinsame Aussagen herauszufiltern. Da stecken sehr viele Einsichten drin - Danke, die ich auch so erlebe, nach gut einem Jahr Mitmachen. Vielleicht benutze ich sogar einen Aussage einmal als Vortragstitel: 2.0-Tools und 2.0-Nutzungskultur: Das Ende der Betriebsblindheit!

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  2. Dank für Ihren Kommentar und die Vision auf "Ende der Betriebsblindheit" - auf geht's

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