Sonntag, 10. Mai 2009

Der gegrillte Computer

"Du weißt doch, ich hab's nicht mit Computer!!" Eine wegwischende Handbewegung fegt einen symbolischen Computer vom Tisch, ein entschlossener Gesichtsausdruck unterstreicht die ultimativ in den Raum gemeißelten Worte - die volle Konzentration meiner Gesprächspartnerin wendet sich wieder der duftenden Grillwurst und anderne kulinarischen Genüssen zu. Meine Gesprächspartnerin ist Lehrerin.

OK, auch ich will nicht bei jeder Gelegenheit über Lernen, Bildung, Lehren - also berufliche Belange - sprechen. Aber wenn ich gefragt werde, was ich denn so mache? Hätte ich meine ohnehin schon vorsichtig gewählten und in Watte verpackten Worte, meine Begeisterung über das Erleben von Netzwerken, Wissensaustausch, über die fast grenzenlosen Möglichkeiten, Unterricht lebendig, lebhaft, mit Nutzen für die Lernenden anzureichern - hätte ich das besser in meine Grillwurst nuscheln sollen?

Ob in die Wurst genuschelt oder ausgesprochen - heute sitze ich mit leichtem Bauchgrummeln da. Ich stelle fest: es ist unerheblich, in welchem Bildungs- oder Weiterbildungsumfeld ich mich bewege: das didaktisch-methodische Paket mit dem Stempel 2.0, das Schulen und Weiterbildungseinrichtungen jeglicher Couleur auf dem Präsentierteller dargeboten wird, erhält je nach Person ohne weitere Prüfung der Verwendungsmöglichkeit einen 2. Stempel, der da lautet: Computer - nein danke - retour .

Ich wage einen kühnen Bogen zu schlagen: wenn ich zu einem für die Ausübung meines Berufes erforderlichen Arbeitsmittel die Position beziehe: "Ist nicht mein Ding, nein Danke", würden Konsequenzen ihre Schatten um die nächste Ecke werfen. Frage: Sind 2.0-Methoden - um es so einfach mal zu simplifizieren - für die Berufsausübung von Lehrenden und Weiterbildnern erforderliche, zwingend zu prüfende Arbeitsmittel oder je nach persönlichem Gusto frei wählbare Deluxe-Pakete?

Frei wählbar unterstütze ich bedingungslos - aber bitte erst wählen, wenn geprüft wurde. Um prüfen zu können, muß man um die Instrumente wissen. Um um die Instrumente zu wissen, muß man sie kennen. Um sie zu kennen, muß man sie nutzen. Ist Computer nutzen = 2.0 Instrumente kennen? Nein, und mein zaghafter argumentativer Neuansatz, in die erwähnte energische Handbewegung gepostet: "Du nutzt doch auch den Computer, um mir Mails zu schreiben" sauste ungebremst ins Nirwana.

Ach, manchmal würde ich gerne zu einem Kreistanz um den Computer einladen. Der Computer wäre das lodernde Feuer, aus dem die Funken (alles kleine Avatare rund um die Welt) sprühen, die da heißen könnten "Netzwerk, Wissen, Neugierde, Kreativität, Chancen usw.", diese Funken springen auf die Tanzenden über, die die Ideen der Funken verinnerlichen und als Rüstzeug mit in den Arbeitsalltag nehmen. Und die nunmehr "Chancennutzen-Infifzierten" schauen im Weggehen noch einmal zurück und erblicken einen leicht verkokelten Computer - eine letzte Erkenntnis dringt zu ihnen durch: Ach, das war ja nur das Transportmittel der Funken.

Kommentare:

  1. Welch wunderbarer poetischer Beitrag zum Grillen mit Fast Food und der Verweigerungshaltung zu Slow Food :-)

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  2. Sehr schön beschrieben, lässt sich nach Jahreszeit anpassen: Weihnachtsfeier, Osterspaziergang und Pilze suchen im Wald :-)

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  3. Herzlichen Dank Dir, Sigi, und Ihnen, Frau Reß, für die anerkennenden Worte. Ich habe mich sehr darüber gefreut.

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