Dienstag, 15. Dezember 2009

Funktionieren eigentlich Online Seminare oder Konferenzen

"Funktionieren eigentlich Online Seminare oder Konferenzen?" fragen Prof. Dr. Andrea Back und Dr. Jochen Robes, die Herausgeber/-in des WissensWert Blog Carnival in der 10. Ausgabe. Verbunden mit der Aufforderung "Beschreiben Sie einfach Ihre Erfahrungen."

Bei dieser Aufforderung purzeln meine Gedanken ganz flugs so ca. 10 Jahre zurück und gleich einem Daumenkino fällt mein Blick auf einzelne Erlebnisse. Da die Gastgebenden denn ermuntern, einfach zu beschreiben - bitte sehr, hier meine sehr persönliche Sicht:

Der "VC" - verbunden mit dem plötzlich allgegenwärtigen Wort eLearning - brachte Verwirrung in meinen gesicherten Arbeitsalltag. War die Online-Variante bisher in meinem Denken sicher in einem sog. CBT-Lernraum und damit schon fast im Freizeitbereich angesiedelt, drohte nun diese "e-Geschichte" an den Grundfesten meines Denkens zu rütteln, erst recht, als ich begriff, was denn ein VC nun sei.
Lernen in einem virtuellen Klassenraum?
Am besten ignorieren. Am Tradierten, Bewährten = klassischem Präsenztraining führt eh kein Weg vorbei.
Meine skeptische Argusaugen-Wachposition verschob sich rasant, als ich denn freiwillig und auf eigene Initiative in diesen Bereich "eLearning" mein Wirken verlegen durfte. Das hatte erst einmal nichts mit diesem VC zu tun, sondern mit Webbased Trainings. Doch am VC führte dann doch kein Weg vorbei, der zwar angepriesen, aber eher doch ein Nischendasein im Bewußtsein aller führte. Kurzum, um dieses seltsame Instrument kennen zu lernen, verlegten wir Teammeetings kurzerhand in den virtuellen Raum. Testweise natürlich nur.

Eine "glühende Verehrerin" des VC war geboren, denn: ich erlebte, dass unsere Teammeetings nur ein Viertel der Zeit beanspruchten. Schließlich konnte nur einer sprechen, die Beiträge mußten präziser formuliert werden, bei Abstimmungen gab es nur "Ja" oder "Nein" - wir kamen zügiger auf den Punkt. Dazu natürlich herrlich hingelümmelt im eigenen Büro - was will man mehr.
Meine glühende Verehrung erhielt dank technischer Hürden einen gewaltigen Dämpfer: was im "heimischen" Netz fast ohne Probleme funktionierte, erlebte seine vermeintlich unüberbrückbaren Hindernisse beim Überschreiten der Firewall. Die Technik drängte sich nicht nur in den Vordergrund, nein, wir bereiteten ihr den Boden mit unserer ständigen Sorge, ob denn alles wie gewünscht funktioniert = technisch reibungslos. Die Vorstellung, dass ein Teilnehmender, gar Moderator/-in aus der Session fliegt, ließ alle Beteiligten in höchster Alarmstufe verharren.
Schmunzeln muß ich heute, denke ich daran, von welch "Standorten" wir die Funktionalität prüften: einige im Firmennetz (verteilt auf mehrer Etagen - könnte ja Kriterium sein), andere außerhalb in unterschiedlichen Orten mit ständigem Austausch: beim mir funktioniert es, ich gehe ins Internet via XXX und so weiter. Und so stand denn auch unsere Auseinandersetzung mit der didaktisch-methodischen Aspekten von online Seminaren nicht selten unter diesem "Wenn denn die Technik mitspielt...".

Schnitt im Daumenkino ein paar Jahre weiter - meine beruflichen Aktivitäten verlagerten sich auf andere Felder, aber dieser Funke mit dem VC glimmerte beständig weiter und der Bogen zur Teilnahme an Online Konferenzen ist rasch gespannt. Das führt vom "klassischen VC-Begriff" hin zu "heutigen" Tools für Online-Seminare, -Konferenzen, bedeutet für mich aber prinzipiell denselben konsequenten Weg, wie auch immer das Tool heißen mag.

Meine erste große internationale Online-Konferenz besuchte ich vor ca. 1 Jahr, bequem vom heimischen Arbeitszimmer aus. Es war ein beeindruckendes Erleben, an einer über alle Kontinente verteilten 2-stündigen Gemeinschaft teilzuhaben. Die positiven Aspekte, die ich schon bei unseren damaligen Teammeetings wahrnahm (Sachlichkeit, präzise Aussagen etc.) erlebte ich auch in diesem mit ca. 30 Teilnehmenden recht üppigen Kontext erneut. Wenngleich: anstrengend war's, denn es forderte meine gesamte Konzentration, dem Geschehen zu folgen, die verschiedenen Eingangskanäle (Audio, Präsentation, Chat) in meinem Kopf zu synchronisieren. Da "bei der Stange zu bleiben", erforderte meine ganze Disziplin. Dass ich nach der Session berichtete: "Toll war es, aber enorm anstrengend" unterscheidet sich jedoch nicht wesentlich von meinen Erlebnisberichten bezogen auf Präsenzveranstaltungen. Auch in Präsenzveranstaltungen sind meine Eingangskanäle nicht wohl sortiert, auch hier kann mich vieles ablenken, und manch althergebrachter PowerPoint-Vorlese-Vortrag fordert meine Disziplin, während ich im Online-Geschehen mühelos meinen Kopf darniedersinken lassen kann.

Ach ja, und die Technik? Ich flog pausenlos aus der Session und könnte mühelos in einer Disziplin "wer meldet sich am schnellsten in der Session an?" teilnehmen. Während ich anfänglich geneigt war zu urteilen, das ist dann eben bei Online Konferenzen so, brachte mich ein genauerer Blick zur Erkenntnis: das ist bei Online Konferenzen nicht so, das war ich selbst mit meinen heimischen fehlerhaften Interneteinstellungen. Brachte mich aber zu der wesentlichen Erkenntnis: dann flieg ich halt raus, na und? Ich melde mich wieder an. Und ob der technischen Hürden machte sich ein Gefühl der Gelassenheit in mir breit: was ist denn so schlimm daran, aus der Session zu fliegen?

Etliche Konferenzen und Meetings folgten seitdem, ich möchte die online Variante nicht mehr missen, erlebt in den letzten Monaten gar eine weitere Bereicherung durch Veranstaltungen in einer virtuellen 3D-Umgebung, sprich Second Life. Ob Vorträge, Exkursionen, ob Diskussionen oder Arbeitsmeetings: eine hohe Intensität der Teilnahme nehme ich wahr. Während Konferenz- oder Seminartools (man möge mir die saloppe Umschreibung verzeihen) doch eher statische Elemente vorherrschen, bietet die 3D-Umgebung durch das Agieren der Avatare verblüffende Lebhaftigkeit.
Ich gestehe, dass mich ein Video, das Vortragende mit Kopfhöreren versehen zeigt, nicht wirklich animiert, dem Geschehen auf dem Bildschirm zu folgen, und ich schon der ein oder anderen Veranstaltungen "nur" noch per Audio folgte. In einer 3D-Umgebung begegnen mir Vortragende wie denn auch die anderen Teilnehmenden durch ihren Avatar. Und da ist Bewegung drin. Das erhöht meine Aufmerksamkeit, weil einfach mehr Interaktion möglich sind. Und Technik? s. o.

Klingt nach heiler Welt, oder? Ist es aber beileibe nicht. Denn viele- und hier schließe ich mich durchaus ein - sind noch nicht so recht geübt. Während es mir mühelos möglich ist, gleichsam 5 vor 12 in einen Seminarraum zu fliegen, empfiehlt sich diese Punktlandung im online Geschehen durchaus nicht. Denn was gilt es nicht alles zu checken, bevor die Session endlich starten kann. Und nicht selten sehen sich zeitig Anwesende (Moderatoren/-innen inklusive) durch nervende Techniktests bis zum zuletzt eintreffenden Teilnehmenden strapaziert. Während man in einer Präsenzveranstaltung einem Nachzügler durch entsprechende Mimik mühelos verdeutlichen kann, es sei besser, sich nun flugs und mucksmäuschenstill auf einen Platz zu verkriechen, könnte ein "harscher" Willkommensgruß in der online Variante unliebsame Folgen haben. Schließlich wird für die Ewigkeit aufgezeichnet.

Video-Mitschnitt der Sessions - ein weiteres Stichwort. Toll fand ich's; wenn ich etwas verpasst habe, schaue ich es mir halt später an. Diese meine Einstellung hat sich grundlegend geändert; ich gestehe: ich finde es langweilig, mir die Aufzeichnungen anzuschauen - meist jedenfalls habe ich keine Lust, mich eine Stunde vor den Rechner zu setzen und dem Geschehen zuzuschauen. Meine Augen wandern unweigerlich zu attraktiveren Zielen, meine Ohren verbleiben bestenfalls im Geschehen, und schon erwische ich mich, wie ich gänzlich andere Dinge nebenher tätige. Das könnte ich noch ein wenig üben. Aber: hier und da schaue ich weiter rein in die Aufzeichnungen, es könnte mir ja doch ein Kleinod durch die Lappen gehen - unverzeihlich.

Noch ein Blick auf die Moderatoren-Rolle sei gestattet. Über 25 Jahre bin ich als Präsenztrainerin in schon nicht mehr zählbaren Räumen und Veranstaltungen "aufgetreten", um mir bei meiner ersten online Session fast wie eine Anfängerin vorzukommen. Da war dieser grenzenlose (ist es immer noch) luftleere Raum. Das Einzige, was ich von den Teilnehmenden wahrnehme, sind die Namen in der Namensliste, und dass sich dahinter reale Personen verbergen, hat zumindest der Praxistest erwiesen, wenn denn alle auf die Frage, kann man mich hören, brav das Daumen-nach-oben-Zeichen anklickten.
Meldet sich im Verlaufe der Veranstaltung niemand auf eine Frage, so entzieht es sich meiner Beobachtung, ob noch jemand anwesend ist (ein eingeloggt sein bedeutet ja nicht Anwesenheit), ob ich nicht verstanden wurde usw. Es fehlt mir die Unmittelbarkeit, der direkte Kontakt. Für mich bedeutet das nicht Gewöhnung, sondern aushalten dieser Situation. Anders in 3D-Welten - wie oben beschrieben: die Avatare personalisieren eben ein stückweit die Teilnehmenden. Gemeinsam aber ist beiden Varianten, dass ich mich gänzlich anders vorbereiten muß. Und das bedeutet erheblich mehr Aufwand in der Vorbereitung - was nicht zwangsläufig schlecht ist, da neu reflektiert werden muß. Aber auch unter Kostenaspekten relevant sein kann, denn schließlich muß (derzeit meist noch) ein online Seminar auch mit einer Teilnehmergebühr versehen werden.

Dennoch bin ich überzeugt:

Ja, sie funktionieren, die Online Seminare und Konferenzen. Sie funktionieren so gut, wie
  • verdeutlicht wird, dass es nicht um Ersatz herkömmlicher Methoden durch die Online-Variante geht, sondern um Ergänzen,
  • die Tools funktionieren,
  • die Vortragenden, Trainer/-innen, Moderatoren/-innen etc. geübt sind in der Durchführung,
  • die Vortragenden, Trainer/-innen, Moderatoren/-innen etc. vorbereitet sind,
  • eine zeitliche Begrenzung eingehalten wird - z. B. sind 2 Stunden definitiv zu lang,
  • dem herkömmlichen "Ich les dann mal die PowerPoint vor"ade gesagt wird,
  • die richtigen Instrumente für Ziel und Zielgruppe gewählt werden,
  • die Teilnehmenden sich von der Haltung "Ich hab's nicht mit Computer" verabschieden,
  • die Teilnehmenden motiviert sind, sich auf diese Form einzulassen,
  • die Teilnehmenden die Chance erhalten, online Lernverhalten zu üben,
  • die Teilnehmenden und Kritiker erkennen, dass ein "ich bin da immer abgelenkt" o. ä. nichts anderes ist als seinerzeit unter der Bank Käsekästchen zu spielen oder heutzutage in der Präsenzveranstaltung via Smartphone E-Mails zu beanworten,
  • aufgehört wird zu fragen, ob das eine besser als das andere ist,
  • wir alle uns die Zeit geben, diese Seminar- und Konferenzform zu erlernen, zu üben und zu verfeinern.

Kommentare:

  1. Danke für diese interessante "Aufarbeitung" Ihrer verschiedenen Online-Stationen!! Bis auf Second Life konnte ich auch sehr gut folgen ;-)
    Gruß, JR

    AntwortenLöschen
  2. Hallo Herr Dr. Robes,
    dann würde ich Sie doch glatt mal gerne einladen, diese Erfahrung zu teilen. Ich bin selbst überrascht, als wie intensiv ich dies erlebe ;-) Bei Interesse bitte einfach melden.
    Beste Grüße Ellen Trude

    AntwortenLöschen