Donnerstag, 30. September 2010

WissensWert Blog Carnival fragt: Verlieren LMS im Web 2.0 an Bedeutung?

André Stöhr lädt zur Diskussion, zum Austausch von Erfahrung und Meinung ein: "Verlieren LMS im Web 2.0 an Bedeutung?"

Ein spontanes Nein drängt sich mir auf, werfe ich einen Blick auf die Liste der neuen Features von Lernmanagementsystemen, denn: Web 2.0-Begrifflichkeit ist in den Funktionsbeschreibungen ja durchaus angekommen. Habe ich gelesen.

Gehe ich zurück in den einleitenden Text des BlogCarnivals und die dort gemeldeten Trends: "Als die wichtigsten Trends wurden Social Web / Social Networks genannt.", dann komme ich zum ersten persönlichen Fazit: ein Web 2.0 Feature macht noch kein Social Web oder Social Network aus, was aber nicht zwangsläufig ein LMS in die Bedeutungslosigkeit führen muß.

Die Frage nach Verlust an Bedeutung impliziert das Vorhandensein einer gewissen Bedeutung, die André Stöhr aus der Umfrage des MMB-Instituts für Medien- und Kompetenzforschung zitiert. Den Gründen vermag ich mich bis auf eine Nennung anschließen: denn der Einsatz eines Lernmanagementsystems garantiert auf keinen Fall "abwechslungsreiche und benutzerorientierte Lerninhalte". Einsatz eines LMS und Lerninhalt sind 2 paar Schuhe, das vermag jeder zu belegen, der sich mühsam durch langweilige Webbased Trainings klickte.

Ich denke, es sind besonders die Aspekte aus Sicht des Managements, die einem Lernmanagementsystem Bedeutung beimessen, sehen wir mal von den inzwischen schon standardisiert formulierten Vorteilen des zeit- und ortsunabhängigen Lernens ab:
  • die einfache Verteilung von Lerninhalten,
  • das Tracking der Lernaktivitäten sowie
  • häufig umfangreiche Reporting-Möglichkeiten.
Kontrolle auf der ganzen Linie? Tim Schlottfeld scheint es so zu sehen:
"Denn was haben Unternehmen und Institutionen mit der Einführung eines LMS im Sinn? … Genau, sie wollen prüfen, testen und kontrollieren."
Na ja, mag hier und da sein. Nur: im betrieblichen Umfeld gibt es z. B. "Pflichtunterweisungen", denen der Arbeitgeber per Gesetz Folge leisten muß, z. B. zum Thema Arbeitssicherheit. Das Gesetz schreibt auch vor, dass nachgewiesen sein muß, dass die Mitarbeitenden unterwiesen wurden. Nicht so einfach im Schichtbetrieb, erst recht nicht, wenn eine Betriebsstörung die mühsam auf einen Termin versammelte Mannschaft auseinandertreibt. Ein LMS bietet hier nicht nur die Möglichkeit, dass die Belegschaft tatsächlich zeitunabhängig unterwiesen werden kann bei Aufrechterhaltung eines reibungslosen Betriebsablaufs, sondern die Vorgesetzten können den Lehrstoff rollenbezogen zuweisen - und den geforderten Nachweis erbringen. Management des Lernens - in solchen Fällen paßt es.

Allerdings: das mit dem 2.0 fehlt in genanntem Beispiel. Begebe ich mich nun auf die Suche nach 2.0-Gedankengut, bewege ich mich tatsächlich Richtung Social Network, dann stoße ich bei einem LMS flugs an die Grenzen gestoßen. Eben weil ich benannte Features las und dem ein wenig auf den Grund gehen wollte. Ja, es gibt ein Wiki, ein Forum, einen Chat (letztere nicht so unbedingt 2.0-fähig, oder?). Das große Aber: die Möglichkeit Lernender, selbst Inhalte einzustellen, Seiten anzulegen, einen Termin einstellen, also etwas in der Richtung "User Generated" in einem collaborativem Gedankengut - das ist dann doch meist nur über den Weg Tutor oder Administrator möglich.

Als ich letztes Jahr mit meinen Überlegungen und damit meiner Suche begann, wie ich eine Social Media-basierte und Social Media-Leben/Lernen fähige Lernumgebung aufbauen kann, stieß ich gerade wegen des Managementgedankens von LMS an Grenzen: Lernen wird gemanagt, ja, aber nicht unbedingt vom Lernenden selbst. Das aber könnte (oder sollte) bei Social Web / Social Network mitgedacht werden, das geht in die Richtung Personal Learning Environment (PLE), Personal Learning Network (PLN). Das Web 2.0-Tool inkl. Beantragung beim Tutor / Administrator reichet da nicht, mir jedenfalls nicht.

Diese meine skizzierten Überlegungen führten zu einer völlig neuen "Lernumgebung", was aber das nebenher existierende LMS in seiner Bedeutung derzeit nicht schmälert. Denn (siehe oben Pflichtunterweisungen) es gibt Lernszenarien, bei denen m. E. der Einsatz eines LMS durchaus Sinn macht, es gibt aber auch Lernszenarien, bei denen ein LMS einfach nicht mehr genügt (siehe Social Learning / informelles Lernen). Vielleicht mag es ja ein Indikator auf künftige Entwicklungen sein, dass Kollegen und Kolleginnen, die von dieser Lernumgebung erfuhren, verstärkt nach deren Möglichkeiten fragen und mir sagen: "Ja, genau das brauche ich." Und was ich ihnen beschrieben hatte, das waren keine Tools, das waren die Möglichkeiten des Social Learning Networks.

Komme ich nun zu einem endgültigen Fazit: es wird weiter Lernmanagementsysteme geben, was, wie benannt, je nach Zielsetzung durchaus Sinn machen kann. Je mehr aber das Verhalten der Lernenden Richtung Social Learning drängt, je mehr Unternehmen Richtung Enterprise 2.0 leben, desto mehr werden zusätzliche Lernumgebungen ihren Raum finden. Ja, das wird die Bedeutung eines LMS als alleinige Online-Lern-Variante schmälern, nicht morgen oder übermorgen, ich hoffe aber in naher Zukunft.

Kommentare:

  1. Beim Lesen des Posts sind mir mehrere Gedanken gekommen, die ich einfach mal zur Diskussion stellen möchte.
    Zum einen die Unterscheidung zwischen der Bedeutung eines LMS für Lehrende und Lernende. Ich denke für Lehrende bieten LMS ganz klare Managementvorteile - nicht nur im Hinblick auf Bereitstellung von Lehrinhalten, sondern auch zum Management von Kursdaten, Lernendendaten etc. z.B. in Kombination mit Campus-Management-Software.
    Aus Sicht der Lernenden hingegen drängt sich mir die Frage nach der Motivation aus: Ich vermute, dass intrinsisch motivierte Lernende bevorzugt auf bereits vorhandene Strukuren zugreifen wollen (-> PLE), während extrinsisch motivierte dankbar sind, sich nur mit einem System auseinandersetzen zu müssen (-> LMS [s. auch die oben genannten Pflichtunterweisungen]).
    Insofern kommt es doch sehr stark auf die Perspektive drauf an, aus der es betrachtet wird, oder?

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  2. Ja, ich sehe auch die Perspektive als einen Dreh- und Angelpunkt. Ob bei Pflichtunterweisungen die Perspektive aber hilft? Ich habe gerade die Einladung zu einer Online-Pflichtunterweisung erhalten und gestehe, die Aussicht auf 45-60 Minuten Unterwiesenwerden inkl. Test motiviert mich grad mal weder "in" noch "ex". Als Arbeitnehmerin habe ich nun aber auch Pflichten, und wenn diese nicht via LMS an mich herangetragen würden, fände ich mit Sicherheit Gründe (da brauche ich gar nicht lange suchen), mich der nicht gewünschten Unterweisung zu entziehen. Mein Unternehmen hat aber das Recht von mir zu fordern, dass ich mich mit gewissen Themen auseinandersetze, ergo: Zuweisung über LMS.
    Aber: solche Pflichtthemen sind doch eher die Ausnahme; was ist mit dem großen Rest? Könnte ein extrinsich motivierter (oder sozialisierter?) Mensch zum intrinsisch motivierten werden, wenn denn die Möglichkeiten von Social Learning, und damit umfasse ich den Bogen von PLE zu Learning Network, gegeben wären? Durchaus denkbar.
    Warum boomen offensichtlich Lernmöglichkeiten via Apps für Smartphones? Ich bin durch einen Blogpost von A. Kadle erinnert worden: Will Mobile Apps Change Training Forever? (http://www.upsidelearning.com/blog/index.php/2010/09/30/will-mobile-apps-change-training-forever/). Klar ist es chick und macht Spaß, auf dem mobilen Kleinstgerät die sog. Apps zu nutzen - nur: um Apps zu nutzen, muß ich keinen Lerninhalt bemühen, was also schafft die Akzeptanz für Applikationen? Sind die Nutzenden nur die eh schon intrinsisch Motivierten?
    Ich rege an, wir zeichnen mal ein Prisma der Perspektiven :-)

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