Freitag, 20. April 2012

eLearning versus real Lernen - ein Widerspruch?

Einer österreichweiten Studie des Instituts für Psychologie der Universität Graz zufolge sehen die 2000 befragten Studierenden Lernen mit neuen Medien zwar durchaus positiv, wünschen sich jedoch zum Erwerb von sozialer oder anwendungsbezogener Kompetenz den Hörsaal, sprich: den direkten Kontakt mit dem Vortragenden. So nachzulesen in der.Standard.at und Steiermark.at, bei mir hereingeflattert via Google-Alert. Ich habe nicht Wort für Wort verglichen, aber es handelt sich wohl um den selben Text in beiden Presseorganen. Schade, denn ich hätte mir mehr Differenziertheit zwischen den Artikeln gewünscht.
Da die Studie nicht verlinkt ist und auch der Link zum Institut für Psychologie nicht weiterhilft, bleibe ich mit meinen Fragen und Anmerkungen denn wohl erst mal alleine, die da lauten:

Der Begrifflichkeit der "realen Welt" wird eine kunterbunte Virtualität gegenübergestellt: virtueller Unterricht, E-Learning, virtueller Raum, digitale Medien, neue Medien, virtuelle Interaktion und dann natürlich Blended Learning sowie Online- versus Präsenzlehre.

Mein Verständnis des virtuellen Raumes ist heute viel umfassender, als es zu der Zeit war, als ich "in's E-Learning" einstieg (vor ca. 10 Jahren), heißt: Webbased Training oder irgendwie gearteter online Kurs, meist via Lernmanagementsystem oder im Web / auf CD bereitgestellt. Dieses E-Learning beinhaltete, und dies trifft ja auch heute noch zu, einen zu bearbeitenden Kurs-/Lerninhalt, am Ende manchmal mit Test, so dass mit Beenden der Lerneinheit im besten Falle die zu lernenden Kenntnisse erworben wurden. Ist dieses E-Learning gemeint?

Digitale Medien unter 1.0-Blickwinkel (siehe E-Learning) oder 2.0-, gar social-Sicht, sprich: Social Learning, Personal Learning Environment und -Network oder gar die mobile Variante? Gleiches zutreffend auf den Begriff neue Medien. Wobei ich hier an die treffende Aussage von Martin Ebner auf der Swiss E-Learning Conference (#selc12) denken muss, die Medien seien für die Jüngeren gar nicht neu. Ich interpretiere, dass letztgenannte Sicht eher nicht gemeint sein kann, denn die Forderung nach Realität, dass eine Ansprechperson mit guter Erreichbarkeit, zeitnaher Rückmeldung, Beratung und Unterstützung im Lernprozess und motivierend zur Verfügung stehen müsse, genau dies ist ja mit Nutzung neuer Medien / digitaler Medien gegeben.

Virtuelle Interaktionen lassen mich zwangsläufig an virtuelle Welten denken, und auch wenn Second Life konsequent die Bedeutungslosigkeit bescheinigt wird, ist E-Learning in virtuellen Welten mit zahlreichen Projekten und Erfahrungen eben auch in Second Life bei weitem ein Baustein des Lernens (mehr nachlesen bei avameo.com). Verlassen wir virtuelle Welten zugunsten der Welt der Applikationen auf SmartPhones und Tablets und interagieren wir hier virtuell. Auch zu diesem Stichwort ist mir von der jüngst (virtuell) besuchten #selc12 ein Vortrag präsent: Jochen Robes verdeutlichte anschaulich den Weg von mobile Learning zu Working Smarter, und wer seine Präsentation betrachtet, dem erschließt sich das hohe Maß der Möglichkeiten, virtuell zu agieren.

Letztendlich machte ich mich dann auf zur Suche nach der Studie und wurde hier fündig mit dem Ergebnis: es geht denn wohl mehr um Lehre, medienbasiert oder in Präsenzveranstaltung. Und damit träfe dann der "klassische E-Learning-Begriff" zu, vielleicht in Kombination mit Blended Learning, oder? So drängt sich mir eine weitere Frage auf: wozu benötigen wir diese Erkenntnis, wenn wir in den Überlegungen zum Lernen schon ein gutes Stück des Weges weiter gegangen sind? Hierzu einige meiner Stichwörter: mobil, connected, social und der derzeit sehr angesagte Begriff des Flipped Classroom, vom Einsatz von Twitter oder Google+ resp. Facebook für Lernszenarien ganz zu schweigen. Aber das ist dann unter Umständen keine Lehre mehr.


Kommentare:

  1. Ellen, Danke für Deinen Hinweis auf die aus meiner Sicht unnötige Bewertung und Unterscheidung realer und virtueller Lernwelten. Lernen von Anderen passiert doch schon immer über den Umweg einer Kodierung, entweder über die Sprache oder über Bilder (jetzt sind auch Bewegtbilder möglich) oder über Schrift oder über Kombinationen davon.
    Heute haben wir einfach nur mehr Übertragungskanäle für all die so kodierten Inhalte. Das ist doch eigentlich nur positiv, wenn Menschen die Wahl haben, und wenn die kodierten Inhalte so für immer mehr immer leichter erreichbar werden. Jeder wählt ohnehin den Kanal, den er oder sie persönlich bevorzugt. Wir sollten eher den Blick darauf richten, möglichst viele Kanäle zu bedienen.
    Viele Grüße
    Karlheinz

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  2. Karlheinz. Danke für für Deinen Kommentar. Ich denke auch, dass es natürlich eine Frage der persönlichen Wahrnehmung ist: viele verbinden mit dem "Rechner" eben "nur" ein Werkzeug, das bedient wird. Oder auch mit Social Networks, dass sie nichts mit der Realität zu tun hätten. Wie oft hört man: "Ich bin nicht auf Facebook / Google+ / Twitter usw., weil ich mein Leben lieber in der Realität führe." Etwas provokant könnte ich jetzt anführen: OK, dann sind das auch all die, die nicht ins Kino gehen, nicht vor'm Fernsehen sitzen etc. Eben: persönliche Wahrnehmung. Dass sich aber durchaus Realität in Social Networks, und Learning Networks gehören ja dazu, abspielt, ist noch nicht flächendeckend erfahren. Ich hatte ja jüngst das Vergnügen, virtuell / online an der #selc12 teilzunehmen, beim #opco12 dabei zu sein, oder beim Educamp als "Medium" ununi.tv ins in die Runde Zuhörender ins Educamp zu holen: für mich alles Erlebnisse, die mir zeigten, dass online ungleich Irrealität ist, es waren sehr reale, intensive Erlebnisse und Kontakte.
    Dies für Lernszenarien zu nutzen ist m. E. die große Herausforderung aller Beteiligten: der Lernenden und der Lehrenden. Nur hat das mit klassischem eLearning dann nur noch am Rande zu tun.

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