Montag, 15. September 2014

Die Digitalisierung beginnt im Bauch #ioms14

Bevor ich zu meinem eigentlichen Thema komme, eine Bemerkung voraus: vernetzt sein hat ja doch was für sich. Wäre ich es nicht, wäre mir der Beitrag von Gunter Dueck, der da lautet "Digitalisierung. Freuen wir uns doch über den radikalen Wandel", glatt dadurch gegangen. Mein Danke also an Andrea Brücken und ununi.tv, die ihn verbreiteten.

Und der Artikel nun hat mit meinem Thema zu tun, und das wiederum nun mit der Vorbermerkung. Aber der Reihe nach.
"Vor dem Arztbesuch googelt man doch erst einmal, oder? Wir rennen nicht bei jedem Rechtsproblem voller Angst zum Rechtsanwalt, wir googeln. Alles, was wir fragen könnten, googeln wir: Fahrpläne, Steuertabellen, Öffnungszeiten, Wertpapiertipps etc. etc."
Finden Sie sich in der Beschreibung von Gunter Dueck selbst wieder? Ich finde mich wieder, bis auf die Steuertabellen, mit denen habe ich es nicht so. Aber ansonsten spiegelt die kleine Passage seines Beitrages das wider, was wohl sich nicht nur jede und jeder von uns allenthalben selbst ergoogelt, sondern auch, was man denn so von anderen hört. Ich erinnere nicht mehr, von wem der Ausspruch stammte: Die Welt ist eine Google, aber er hat sich bestätigt, finde ich.

"Freuen wir uns doch über den radikalen Wandel" tituliert Dueck seinen Beitrag, und ich würde vollends zustimmen, wenn nicht mein kleiner Einwand wäre: ist der Wandel wirklich so radikal oder besser: aus welcher Perspektive betrachtet würde man ihn denn als radikal bezeichnen?


Gemessen an den Zeitspannen, die viele Entwicklungen benötigten, haben die technologischen Möglichkeiten in der Tat ein rasantes Tempo vorgelegt. So betrachtet ist es noch nicht allzu lange her, dass ich mir meine Brötchen als Studentin im Fernamt der Bundespost verdiente, indem ich Gespräche ins benachbarte Ausland vermitteln half. Ende der 70-ger Jahre beherrschte ich die für mich etwas komplizierte Stöpselei nicht annähernd so gut, wie ich heute zum SmartPhone greife. Radikal? Wohl eher nur meine damaligen Forderungen im Elternhaus, endlich ein zeitgemäßes Telefongerät mit Tasten statt des veralteten (inzwischen wieder angesagten) Telefongeräts mit Drehscheibe anzuschaffen. Ansonsten eine zügige, in den letzten Jahren rasante Weiterentwicklung, die ich zugegebenermaßen stets willkommen hieß.



Knüpfe ich an mein Studentinnendasein an, dann ist nebenstehendes Bild wohl bekannt und auch Kennzeichen vieler meiner Berufsjahre. Heute würden Sie mich derart ausgestattet nur auf dem Weg zum Altpapiercontainer antreffen, in der Arbeitswelt bin ich "radikal" und trage meine Dokumente in handlichem Tablet mit mir herum, um diese durch aktuelle Notizen unmittelbar zu ergänzen. So kann ich in weiterer Selbstbeobachtung feststellen: offensichtlich bin ich radikal gewandelt unterwegs, während einige bis viele andere ebenso offensichtlich noch nicht in die Straße zur Nutzung der digitalen Möglichkeiten eingebogen sind. Denn: das Bild habe ich im September diesen Jahres aufnehmen können, mehr noch: gehe ich in der Mittagszeit durch unser beschauliches Eifelstädtchen, das sich Schulstadt nennt, begegnen mir Horden von Schülerinnen und Schülern, die unter der Last ähnlicher Aktenordner ächzen, wie sie oben abgebildet sind. Während sie zeitgleich Facebook und Instagram nutzen, wie ihre Eltern und Großeltern (diese zumindest Facebook). Ein letztes Beispiel möge meine Beobachtungen komplettieren: nicht selten erlebe ich auf Konferenzen / Workshops etc., dass Anwesende durchaus mit der Technologie, die rein theoretisch Digitalität zuließe, ausgestattet sind. Diese jedoch nutzen sie zum Abrufen und Beantworten der E-Mails, ihre Notizen hingegen verfassen sie auf:


Nun mag es genug der Schilderung persönlicher "Entwicklungsschübe" Richtung Digitalität sein, zumal ich hier ja bereits erste Einblicke gab, ein persönliches Fazit sei dennoch gestattet: nein, radikalen Wandel erlebte weder ich noch viele Menschen meines nahen und weiten Umfeldes. Weiterentwicklung ja, rasant zudem, ebenfalls ein beherztes Ja.

Im Umfeld der Unternehmen verspüre ich jedoch ein tiefes Grundrauschen des Unbehagens und der Unsicherheit. Diejenigen mit der Totalverweigerung lasse ich hier einmal außen vor. Unbehagen und Unsicherheit vor der Veränderung eines Arbeitsplatzes? Sorge, sich in ein Unternehmensnetzwerk zu begeben und dort dann einfach mal zu googeln? Trifft das Attribut des Radikalen nur dort zu, wo wir bisherige Arbeitsweisen ändern müssen, die positiv Gestimmten würden sagen: dürfen, die würden es dann aber auch nicht radikal nennen? Warum fällt es so leicht, im Internet Rat und Hilfe zu suchen, im Unternehmensnetzwerk das Potenzial an Wissen und Erfahrung hingegen gut in den Köpfen Einzelner und vielleicht noch Vertrauter zu verschließen und durch hierarchische Genehmigungsprozesse evtl. öffentlich zu machen?

"Die digitale Revolution hat alle Branchen ergriffen und ist dabei, in Windeseile alle Glieder der Wertschöpfungskette von Unternehmen zu verändern – vom Vertrieb übers Marketing bis zur Produktion und Personalauswahl, vom Konzern über den Mittelständler bis zum Handwerker vor Ort."

So geschrieben in der Wirtschaftswoche im Mai dieses Jahres in einem Bericht zu einer exklusiven Studie, wer denn in der Digitalen Revolution untergehe - Danke an Harald Schirmer, der diesen Beitrag wieder "aktualisierte". Kaum jemand, so glaube ich, der (laut) der Aussage des Zitats widersprechen würde, und selbst notorische Bedenkenträger/-innen können den Geist der Veränderung einfach nicht mehr vom Tisch wischen, ohne sich lächerlich zu machen. Nun spannt die Wirtschaftswoche den Bogen vom Großkonzern über's StartUp hin zum Handwerker vor Ort aus unternehmerischer Sicht. Und dies führt nun mich wieder zu Gunter Dueck zurück, der sein Augenmerk auf den Einzelnen richtet, der, wie er meint, um seinen Arbeitsplatz fürchtet.

Und damit sind wir wieder beim eigentlich Radikalen, der umfassenden Verlustangst, vielleicht charmanter ausgedrückt als Unbehagen gegenüber Veränderungen: dem Verlust erprobter Arbeitsweisen und -verhalten, durchaus mit digitalen Mitteln wie E-Mail, abteilungsbezogenen Datenbanken, wohldurchdachten Ordnerstrukturen zur Ablage digitaler Dokumente, Nutzen moderner digitaler Kommunikationsmittel wie SmartPhone oder online Telefonie. Sind Sie nicht auch der Auffassung, dass der heutige Arbeitsplatz durchaus digitale Komponenten bereits aufweist, Sie hier schon recht gut unterwegs sind?

The Evolution of the Employee lautet der Titel eines lesenswerten Beitrages von Jacob Morgan bei Forbes mit einer interessanten Grafik der Chess Media Group (hier lohnt stets ein Blick auf die Ressourcen), die hier besser lesbar einzusehen ist:
http://de.pinterest.com/pin/17029304816294152/
Nicht, dass die Darstellung etwas enthielte, das nicht schon an vielen anderen Orten genannt worden wäre. Dennoch bringt gerade die Schlichtheit der Aussagen Kernelemente auf den Punkt, die sich den/die Employee betreffen, eben die Einzelnen in ihrer täglichen Arbeit. Den Einzelnen, den zum Wohle seines Unternehmens und damit letztendlich seines Gehaltszettels sehr wohl das Thema Digitalisierung des Unternehmens interessiert, der die Verbindung zum eigenen Arbeitsplatz in den vermeintlich selbstverständlichen Arbeitsprozessen nicht unbedingt zu ziehen vermag, ziehen will (siehe oben Angst) oder mit der Äußerung, bei uns gibt es so etwas ohnehin nicht, verbunden mit bedeutungsträchtigem ABER und dem geheimen Wissen, dass bei uns eh alles anders ist, dieser und diese Einzelne sind es, die bis "ins Grundmark" betroffen sind.

  • Predefines work vs Customized work
  • Hoards information vs shares information
  • Corporate learning & teaching vs Democratized learning & teaching

sind nur einige Gegenüberstellungen aus og. Darstellung, die mich fragen lassen: geht es "nur" darum, immer größere Datenmengen zu bewältigen, zu anlaysieren und "social kommunikativ" an die Kunden zu bringen, geht es nicht primär darum, die Mitarbeitenden jedes Unternehmens, ob kleiner Handwerksbetrieb oder Großkonzern, vor Change-, Digitalisierungs- und Revolutionsparolen zu bewahren und die Situation herbeizuführen, die ein eigenverantwortliches, kreatives Mitgestalten eben dieser Veränderung ermöglicht, das Gefühl im Bauch, was "es einem bringt", sich auf Anderes einzulassen. Das Verspüren, die Veränderung ist gar nicht so radikal, ist dann eine Begleiterscheinung - im Beipackzettel stünde: und dann fragen Sie...

... bei dem Feuerwerk an Veranstaltungen der nächsten unmittelbaren Zeit:



  • Nächste Woche am 23. und 24.09. der IOM Summit in Köln.



Wer sich zum IOM Summit so richtig einstimmen möchte, dem und der empfehle ich die Facebook-Seite des Summit: die "Literaturquelle" schlechthin rund um's Thema.

Dort werde ich sicher noch etliche Antworten finden, aber mit Sicherheit wird viele Fragen der Workshop von Prof. Dr. Joachim Niemeier auf dem Summit beantworten: E 2.0 Skill & Performance Management.

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