Freitag, 27. Februar 2015

Die digitale Rührschüssel und die Bildung

Schrillen bei Ihnen auch schon alle Alarmglocken, wenn Sie das Wort "Digitalisierung" hören? Vielleicht nicht, wenn Sie weder in Bildungszusammenhängen unterwegs sind noch als Wissensarbeiter/-in in Gefahr kommen, mit "neuer Technologie" genau zu dem Zeitpunkt konfrontiert zu werden, wenn Sie die alte so richtig lieb gewonnen haben.

Wenn Sie also nicht zu dieser Gruppe gehören, dann könnte Digitalisierung Ihre Arbeitsprozesse ein klein wenig optimieren, zum Beispiel ab 02.03., denn dann gibt es die "Digitale Rührschüssel" zum unschlagbaren Preis bei einem bekannten Discounter. Interessant werden alle Freunde der digitalen Anzeigen sagen (und darum dreht es sich hier "nur"), doch bei näherer Betrachtung könnte auch vermutet werden: droht die Gefahr der Digitalisierung der Küche durch den Einzug von Rührschüsseln? Schließlich bedeutet die integrierte Volumen- und Gewichtsumrechnung, die ja offensichtlich durch Digitalisierung ermöglicht wird, den völligen Verlust praktischer Übungen im Kopfrechnen.

Nun kann man sich der "totalen Zwangsdigitalisierung" der Küche noch relativ einfach entziehen, in der Schule offensichtlich jedoch nicht, weshalb der Lehrerverband, vertreten durch den Präsidenten Josef Kraus, nicht nur vor dieser Zwangsdigitalisierung eindringlich warnt, sondern in einer meiner Meinung nach sprachlichen Entgleisung zugleich vor "Kollateralschäden" durch Digitalisierung warnt. Nachzulesen und zu hören bei Deutschlandradio Kultur im Rahmen eines Interviews anlässlich der diesjährigen Didacta.

"Ich würde mir wünschen, dass man alles mit Maß und Mitte macht, dass man die Digitalisierung des Unterrichts dort betreibt, wo es fachlich Anknüpfungspunkte gibt. Das ist nicht in jedem Fach der Fall. Das werde ich im Religionsunterricht, im Ethikunterricht, im Lateinunterricht, im Deutschunterricht nicht so notwendig haben wie beispielsweise im Informatikunterricht, da ohnehin."
sagt der Präsident, und der Papst sieht dies anders und bietet in seinem Twitter-Account reichlich Stoff für Religionsunterricht, könnte ich mir vorstellen. Näher dran an den Aussagen des Pontifex geht kaum, oder?





Oder nehmen wir Latein, nicht den Unterricht, sondern das Lernen via Apps.
Und die Liste eines völlig anderen Bildes von "Digitalisierung in der Schule" ließe sich noch umfangreich weiterführen und damit zeigen: es geht eben nicht darum, 8 Stunden vor einem Computer zu sitzen. Und Informatikunterricht hat nur bedingt etwas mit "Digitalisierung" zu tun, und mit Verlaub es geht auch nicht um "Demonstrationstechniken":

"Wir haben nahezu in jedem Unterrichtsraum einen Rechner mit der Möglichkeit, dass Lehrer hier über Beamer etwas einspielen. Also, es muss nicht jedes Kind, um medienpädagogische Unterrichtung zu betreiben, ein Tablet vor sich haben. Das ist auch über entsprechende Demonstrationstechniken und gute inhaltliche Aufbereitung des Lehrers mit einem Computer und mit einem Beamer möglich."

"Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir." Den Satz hat (fast) jede und jeder von uns schon einmal gehört, und ich favorisiere, ihn wieder verstärkt ins Bewusstsein zu rücken, denn das Leben ist zum großen Teil Arbeitsleben. Daher lohnt sich der Blick auf die Veränderungen des Arbeitslebens, und damit es nicht ganz so aktuell ist, verweise ich auf einen Text von 1991 (!) mit dem Titel "Skills and Competencies Needed to Succeed in Today's Workplace", entstanden weil:
"Because the world of work is changing, the U.S. Departments of Labor and Education formed the Secretary's Commission on Achieving Necessary Skills (SCANS) to study the kinds of competencies and skills that workers must have to succeed in today's workplace."
Für das Leben lernen wir definiert den Auftrag für Schulen. Digitalisierung von diesem Blickwinkel zu betrachten erfordert grundlegend andere Ansätze als eine Betrachtung von Informatikunterricht, die Diskussion, ob Schüler/-innen programmieren lernen müssen oder Wichtiges nicht von Unwichtigem trennen können:
"Wer sich in einer Bibliothek nicht auskennt, wer sich in einem Lexikon nicht auskennt, nämlich Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden, der wird sich auch im Internet nicht auskennen."
Meine Antwort: aktuell nur noch im Internet unter http://www.britannica.com/

Vielleicht sollten wir die Bestandteile dessen, was Digitalisierung in der Schule bedeutet, ein wenig anderes mixen als die Ingredienzen der Interviewantworten hergeben, dann kommt auch ein geniessbarer Kuchen heraus, wenn wir die medialen Zutaten in die Rührschüssel geben.

1 Kommentar:

  1. Liebe Trude,
    da haben wir uns über dasselbe/denselben geärgert. Meinen Kommentar findest du hier: http://konzeptblog.joachim-wedekind.de/krause-gedanken/
    Aber vermutlich bewegt sich der Herr Kraus nicht in den sozialen Medien und wird dies nicht wahrnehmen, und wenn, dann ignorieren, wie er wohl vieles ignoriert.
    Gruß, Joachim

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